Begriffe vorab
- Routineaufgabe: eine Aufgabe, die sich in eindeutige Regeln fassen lässt.
- Komplementarität: Technik und menschliche Arbeit ergänzen sich und steigern gemeinsam das Ergebnis.
- Produktivität: Ergebnis pro eingesetzter Arbeitszeit.
Lernziele
- Erklären, warum technischer Fortschritt historisch nicht zu dauerhafter Massenarbeitslosigkeit geführt hat.
- Automatisierung (verdrängend), Ergänzung (produktivitätssteigernd) und neue Aufgaben unterscheiden.
- Den Begriff Routine-Bias auf eigene Arbeitsprozesse anwenden.
Kerninhalt
David Autor zeigt: Technologie ersetzt einzelne Aufgaben, aber selten ganze Berufe. Berufe bestehen aus vielen unterschiedlichen Aufgaben, und es entstehen laufend neue Aufgaben.
Autor, Levy und Murnane prägen den Routine-Bias: Repetitive, regelbasierte kognitive und manuelle Aufgaben lassen sich leichter automatisieren als nicht-routinierte Tätigkeiten wie Problemlösung, Koordination und persönliche Interaktion.
Acemoglu und Restrepo formalisieren das als Wettlauf zwischen verdrängenden und neu geschaffenen Aufgaben („Automation and New Tasks“).
Eselsbrücke: Technik ersetzt Aufgaben, nicht Berufe. Ein Beruf ist ein Bündel aus vielen Aufgaben. Wer nur ein Etikett (den Beruf) sieht, übersieht das Bündel.
Drei Wirkungen auf einen Blick
- Automatisierung: verdrängt Aufgaben.
- Ergänzung: steigert die Produktivität bestehender Aufgaben.
- Neue Aufgaben: entstehen durch die Technologie selbst.
Anwendung auf Betriebsratsarbeit
- Bei der Ankündigung „KI ersetzt Stelle X“ prüfen: Wird der ganze Beruf ersetzt oder nur einzelne Routineaufgaben darin?
- Argumentationsgrundlage für Qualifizierung: Wenn Routineaufgaben wegfallen, welche neuen, nicht-routinierten Aufgaben entstehen, und ist dafür Weiterbildung nach § 96 ff. BetrVG einzufordern?
- Vokabular für Betriebsvereinbarungen: „Aufgabenverschiebung“ statt pauschal „Stellenabbau“.
Anwendung auf Projektmanagement
- Aufgaben-Inventur vor Projektstart: Projekttätigkeiten in Routine- und Nicht-Routine-Anteile zerlegen, bevor „KI automatisiert Rolle Y“ geplant wird.
- Erwartungsmanagement: Automatisierung schafft oft neue Koordinations- und Kontrollaufgaben (Review, Prompting, Qualitätssicherung). Diese gehören in die Kapazitätsplanung.
Ein Beispiel: Bankschalter und Geldautomat
Geldautomaten übernahmen die Routine des Bargeldausgebens. Man könnte erwarten, dass Bankfilialen Personal abbauten. Tatsächlich sanken die Kosten je Filiale, und Banken konnten mehr Filialen betreiben; die Schalterarbeit verlagerte sich auf Beratung und Kundenbeziehung. Dieses oft zitierte Beispiel zeigt: Die Wirkung hängt davon ab, wie sich Aufgaben, Nachfrage und Organisation verändern.
Drei Fragen für jede Automatisierungsankündigung
- Welche Aufgaben entfallen genau?
- Welche Aufgaben werden wichtiger oder entstehen neu?
- Wer erhält die neuen Aufgaben, und welche Qualifikation wird dafür benötigt?
Was die Aufgabensicht leistet
Sie ersetzt die Frage „Verschwindet der Beruf?“ durch „Wie verändert sich das Bündel seiner Aufgaben?“. Damit lassen sich Qualifizierung, Arbeitsorganisation und Mitbestimmung konkreter diskutieren.
Prüfstatus: Belegt (Stand 1. Oktober 2026): Jahreszahlen, Zahlen, Namen und Quellenangaben dieser Lektion, soweit die Quellenliste sie nennt, wurden gegen Primärquellen geprüft. Nicht einzeln belegt: erklärende Darstellung nach Lehrbuchstand und Quellen, die in der Liste als „allgemeine Referenz“ markiert sind.
Leseliste
- David Autor – Why Are There Still So Many Jobs?
- Autor, Levy, Murnane – The Skill Content of Recent Technological Change
- Acemoglu & Restrepo – Automation and New Tasks (NBER Working Paper)
Reflexionsfragen
- Welche Aufgaben in einer konkreten Stelle in deinem Betrieb sind Routine, welche nicht?
- Welche neuen Aufgaben könnten durch KI-Einführung entstehen, und wer bekommt sie zugewiesen?