Testen: automatisiert, manuell und mit echten Nutzenden
Begriffe vorab
- Audit: eine strukturierte Prüfung gegen festgelegte Kriterien.
- Regressionstest: wiederholte Prüfung, ob Änderungen alte Probleme zurückbringen.
- Nutzertest: Test mit echten Nutzenden, hier auch mit Menschen mit Behinderungen.
Barrierefreiheit lässt sich nicht allein durch ein Tool „grün“ testen. Verlässliche Prüfungen kombinieren drei Ebenen.
1. Automatisierte Tests
Werkzeuge wie axe DevTools (Deque Systems), WAVE (WebAIM) und die Accessibility-Prüfung in Lighthouse (Google) finden automatisch einen Teil der WCAG-Verstöße, etwa fehlende Alternativtexte, fehlende Formular-Labels oder zu geringen Kontrast.
Automatisierte Tools finden nur einen Teil der Probleme. Belegt sind zwei Messungen: In einem Test des britischen Government Digital Service fand das beste von 13 Werkzeugen 40 % der 142 bekannten Barrieren einer Testseite; Deque ermittelte in über 2.000 Audits, dass automatisierte Tests etwa 57 % der gefundenen Probleme nach Anzahl erfassten (nach Anzahl, weil sich häufige Fehler wie fehlende Alternativtexte oder zu geringer Kontrast leicht automatisch finden lassen). Sinnvolle Lesereihenfolge, ob ein Alternativtext inhaltlich passt oder ob eine Tastaturbedienung sich wirklich sinnvoll anfühlt, kann kein automatisches Werkzeug abschließend beurteilen.
2. Manuelle Expertenprüfung
Dazu gehören die Praxistests aus den vorigen Lektionen: reine Tastaturbedienung, Test mit einem echten Screenreader (NVDA oder VoiceOver reichen für den Einstieg), Kontrastprüfung und Zoom-Test bis 400 %. Eine strukturierte Grundlage bietet die WCAG-EM (Website Accessibility Conformance Evaluation Methodology) des W3C, die beschreibt, wie eine repräsentative Stichprobe von Seiten systematisch bewertet wird.
3. Tests mit Menschen mit Behinderungen
Die verlässlichste, aber aufwendigste Ebene: echte Nutzende mit unterschiedlichen Behinderungen und ihren gewohnten Hilfsmitteln testen lassen. Nur so zeigen sich Probleme, die weder automatisierte Tools noch Experten-Heuristiken zuverlässig aufdecken.
Der WebAIM Million
WebAIM analysiert jährlich automatisiert die Startseiten der eine Million meistbesuchten Websites („WebAIM Million“). Im Bericht 2025 hatten 94,8 % der untersuchten Startseiten automatisiert erkennbare WCAG-2-Verstöße (2024: 95,9 %), im Durchschnitt 51 Fehler je Seite. Am häufigsten waren zu geringer Textkontrast (79,1 %), fehlende Alternativtexte (55,5 %), fehlende Formularbeschriftungen (48,2 %), leere Links (45,4 %), leere Buttons (29,5 %) und fehlende Sprachangabe (15,8 %). Die Zahlen ändern sich jährlich; maßgeblich ist der jeweils aktuelle Bericht.
Barrierefreiheitserklärung
Öffentliche Stellen in der EU müssen nach der Web-Accessibility-Richtlinie (EU) 2016/2102 (in Deutschland über BITV 2.0 umgesetzt) eine öffentlich zugängliche Erklärung zur Barrierefreiheit veröffentlichen, die den Grad der Konformität, bekannte Ausnahmen und einen Kontaktweg für Feedback nennt.
Ein praktikabler Einstieg in ein bestehendes Projekt: automatisierte Prüfung als Basis, danach die wichtigsten Nutzerwege (Login, Bestellung, Kontaktformular) manuell mit Tastatur und Screenreader durchgehen, priorisiert nach Schweregrad und Häufigkeit der Nutzung beheben.
Ein Prüfplan für ein kleines Projekt
- Automatische Prüfung der wichtigsten Vorlagen (Start, Formular, Übersicht).
- Tastaturtest der zentralen Abläufe.
- Screenreader-Kurztest mit einem Bildschirmleseprogramm.
- Zoom- und Kontrasttest bis 400 % und in hellem wie dunklem Modus.
- Dokumentation: Befunde mit Schweregrad, betroffener Seite und Lösungsvorschlag.
Barrierefreiheit im Entwicklungsablauf
Automatische Prüfungen lassen sich in die laufende Entwicklung einbinden und verhindern, dass bekannte Fehler wiederkehren. Sie ersetzen manuelle Tests nicht, fangen aber viele einfache Fehler früh ab.
Befunde priorisieren
- Kritisch: Ein Ablauf lässt sich für eine Gruppe gar nicht durchführen.
- Hoch: erhebliche Erschwernis in wichtigen Abläufen.
- Mittel/Gering: Komfort- und Randprobleme.
Prüfstatus: Belegt (Stand 1. Oktober 2026): Jahreszahlen, Zahlen, Namen und Quellenangaben dieser Lektion, soweit die Quellenliste sie nennt, wurden gegen Primärquellen geprüft. Nicht einzeln belegt: erklärende Darstellung nach Lehrbuchstand und Quellen, die in der Liste als „allgemeine Referenz“ markiert sind.
Quellen
- W3C WAI – „Website Accessibility Conformance Evaluation Methodology (WCAG-EM)“ (allgemeine Referenz, nicht Zeile für Zeile geprüft)
- WebAIM – „The WebAIM Million“ (jährlicher Bericht)
- UK Government Digital Service – Vergleichstest von 13 automatisierten Prüfwerkzeugen; Deque – „The Automated Accessibility Coverage Report“
- Deque Systems – axe-core-Dokumentation; WebAIM – WAVE-Dokumentation; Google – Lighthouse-Dokumentation (allgemeine Referenz, nicht Zeile für Zeile geprüft)
- Richtlinie (EU) 2016/2102 über den barrierefreien Zugang zu Websites öffentlicher Stellen