Agenten: Grundlagen

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Agenten: Grundlagen

Was ein Agent ist, woher der Begriff kommt und wie sich Agenten von festen Workflows unterscheiden.

Grundbegriffe: Was ist agentische KI?

Begriffe vorab

  • Agent: nach dem Lehrbuch von Russell und Norvig alles, was seine Umgebung über Sensoren wahrnimmt und über Aktuatoren darauf einwirkt.
  • Autonomie: die Fähigkeit, ohne ständiges Eingreifen eines Menschen zu handeln.
  • Werkzeug (Tool): eine Funktion oder Schnittstelle, die ein Agent aufrufen kann, etwa Suche, Datenbank oder Code-Ausführung.
  • Agentenschleife: der wiederholte Ablauf aus Wahrnehmen, Entscheiden und Handeln, bis das Ziel erreicht ist.
  • Agentische KI: Sammelbegriff für KI-Systeme, die Ziele mehrschrittig und mit eigenen Entscheidungen über Werkzeugeinsätze verfolgen.

Der klassische Begriff

Der Begriff „Agent“ ist älter als moderne Sprachmodelle. Im Standardlehrbuch „Artificial Intelligence: A Modern Approach“ heißt es sinngemäß: Ein Agent ist alles, was seine Umgebung über Sensoren wahrnimmt und über Aktuatoren darauf einwirkt. Ein Thermostat erfüllt das, ein Roboter ebenso, und ein Softwareprogramm, das Eingaben liest und Aktionen ausführt, auch. Wooldridge und Jennings (1995) nannten vier Eigenschaften, die einen „intelligenten“ Agenten auszeichnen: Autonomie, soziale Fähigkeit (Interaktion mit anderen Agenten und Menschen), Reaktivität (Antwort auf Veränderungen der Umgebung) und Proaktivität (zielgerichtetes Verhalten).

Was heute gemeint ist

Mit „agentischer KI“ ist meist ein System gemeint, bei dem ein Sprachmodell die Entscheidungen trifft: Es bekommt ein Ziel, wählt Schritte, ruft Werkzeuge auf, wertet die Ergebnisse aus und entscheidet, ob es weitermacht oder fertig ist. OpenAI beschreibt in einem Leitfaden von April 2025 einen Agenten als System aus drei Kernbausteinen: einem Modell, Werkzeugen und Anweisungen. Entscheidend ist, dass das System mehrere Schritte selbstständig im Auftrag einer Person ausführt, statt nur eine einzelne Frage zu beantworten.

Die Agentenschleife als Pseudocode

aufgabe = "Fasse die offenen Support-Tickets der Woche zusammen"
verlauf = [aufgabe]

for schritt in range(MAX_SCHRITTE):          # harte Obergrenze
    antwort = modell(verlauf, werkzeuge)      # Modell entscheidet
    if antwort.ist_fertig:
        return antwort.text
    for aufruf in antwort.werkzeugaufrufe:
        pruefen(aufruf)                       # Rechte, Freigabe, Grenzwerte
        ergebnis = ausfuehren(aufruf)
        verlauf.append(ergebnis)              # Beobachtung zurück in den Kontext

Der Pseudocode zeigt das Wesentliche: Die Anwendung führt Werkzeugaufrufe aus und kontrolliert sie; das Modell entscheidet nur, welche es anfordert. Eine Obergrenze für Schritte und eine Prüfung vor jedem Aufruf gehören zu jedem ernsthaften Agenten.

Ein durchgespieltes Beispiel

Ein Support-Agent soll Tickets der Woche zusammenfassen. Er ruft ein Werkzeug „Tickets abrufen“ auf, liest 40 Einträge, ruft für unklare Fälle „Kundenhistorie“ ab, gruppiert die Ergebnisse und liefert eine Zusammenfassung. Wie viele Aufrufe nötig sind und in welcher Reihenfolge, entscheidet das Modell erst unterwegs – das unterscheidet ihn von einem festen Skript.

Faustregel: Je mehr Entscheidungsfreiheit ein System hat, desto wichtiger werden Grenzen, Protokolle und menschliche Kontrolle.

Zum Selbermachen

  1. Nenne drei Anwendungen, die du nutzt, und prüfe, ob sie nur antworten oder selbst mehrere Schritte planen und ausführen.
  2. Zeichne die Agentenschleife für eine Aufgabe aus deinem Alltag und markiere, wo ein Mensch zustimmen sollte.

Prüfstatus: Belegt (Stand 1. Oktober 2026): Titel, Autoren, Jahre, Konferenzen, Zahlen und Aussagen der genannten Quellen wurden gegen Primär- bzw. Verzeichnisquellen geprüft. Nicht einzeln belegt: erklärende Darstellung, die Beispiele (konstruiert) und die Einordnung in eigenen Worten. Der Pseudocode ist schematisch und kein lauffähiges Programm.

Quellen

  • Stuart Russell, Peter Norvig – „Artificial Intelligence: A Modern Approach“, Kapitel „Intelligent Agents“ (Definition: Wahrnehmung über Sensoren, Handeln über Aktuatoren)
  • Michael Wooldridge, Nicholas R. Jennings – „Intelligent Agents: Theory and Practice“ (The Knowledge Engineering Review, 10(2), 1995, S. 115–152)
  • OpenAI – „A Practical Guide to Building Agents“ (April 2025)

Workflow oder Agent? Wer steuert den Ablauf

Begriffe vorab

  • Workflow: ein System, in dem Sprachmodelle und Werkzeuge über vorab festgelegte Programmpfade orchestriert werden.
  • Agent (im engeren Sinn): ein System, in dem das Sprachmodell seine eigenen Prozesse und Werkzeugeinsätze dynamisch steuert.
  • Kontrollfluss: die Reihenfolge der Schritte – fest im Code oder vom Modell entschieden.
  • Latenz: Wartezeit bis zum Ergebnis.

Die Unterscheidung von Anthropic

In dem Beitrag „Building effective agents“ (Dezember 2024) unterscheidet Anthropic zwei Arten agentischer Systeme. Workflows sind Systeme, in denen Sprachmodelle und Werkzeuge über vordefinierte Programmpfade orchestriert werden. Agenten sind Systeme, in denen das Sprachmodell seine eigenen Abläufe und die Nutzung von Werkzeugen dynamisch steuert und selbst die Kontrolle darüber behält, wie es eine Aufgabe löst. Beides fällt unter „agentische Systeme“; der Unterschied liegt darin, wer den Ablauf bestimmt.

Warum die Unterscheidung wichtig ist

Mehr Freiheit bedeutet mehr Flexibilität, aber auch mehr Unvorhersehbarkeit, höhere Kosten und Latenz und mehr Fehlerquellen. Ein Workflow ist leichter zu testen und zu überwachen, weil jeder Schritt bekannt ist. Ein Agent eignet sich für Aufgaben, bei denen sich die nötigen Schritte nicht im Voraus festlegen lassen, etwa bei offenen Recherchen oder Programmieraufgaben in unbekanntem Code.

Ein Beispiel

Aufgabe: Eingehende Kundenmails beantworten. Als Workflow: Schritt 1 klassifiziert die Mail, Schritt 2 sucht passende Textbausteine, Schritt 3 formuliert die Antwort, Schritt 4 prüft Tonfall. Der Ablauf ist immer gleich. Als Agent: Das Modell entscheidet je Mail, ob es die Bestellung nachschlägt, eine Rückfrage stellt, an einen Menschen übergibt oder direkt antwortet.

Eine Entscheidungshilfe

  1. Lässt sich der Ablauf vorab beschreiben? Dann zuerst einen Workflow bauen.
  2. Reicht ein einzelner, gut formulierter Modellaufruf mit Beispielen? Dann nicht mehr bauen.
  3. Nur wenn die Schritte wirklich offen sind und Fehler verkraftbar oder kontrollierbar bleiben, einen Agenten einsetzen.

Mehr Autonomie ist kein Selbstzweck. Jeder zusätzliche Entscheidungsspielraum muss durch Nutzen gedeckt sein – und durch Kontrollen.

Kosten und Risiken im Vergleich

Ein Agent trifft in jedem Durchlauf neue Entscheidungen und braucht dafür meist mehrere Modellaufrufe. Das erhöht Kosten und Wartezeit gegenüber einem Workflow mit festen Schritten. Hinzu kommt: Fehler können sich über viele Schritte aufsummieren, weil jeder spätere Schritt auf den früheren aufbaut. Deshalb sind Tests in einer geschützten Umgebung, klare Abbruchbedingungen und Kontrollpunkte für Menschen bei Agenten besonders wichtig. Bei Workflows lassen sich dagegen einzelne Schritte getrennt testen und gezielt verbessern.

Ein Übergang statt eines Gegensatzes

In der Praxis ist es kein Entweder-oder. Viele Systeme sind Workflows mit einem agentischen Teilschritt – etwa ein fester Ablauf aus Eingang, Klassifikation und Antwort, in dem nur die Recherche zum Kunden vom Modell frei gesteuert wird. So bleibt der größte Teil vorhersehbar, und die Freiheit steckt dort, wo sie wirklich nützt.

Zum Selbermachen

  1. Nimm einen Prozess aus deiner Arbeit und schreibe ihn als festen Ablauf auf.
  2. Markiere die Stellen, an denen der Ablauf je nach Fall anders sein müsste. Das sind die Kandidaten für Agenten-Entscheidungen.

Prüfstatus: Belegt (Stand 1. Oktober 2026): Titel, Autoren, Jahre, Konferenzen, Zahlen und Aussagen der genannten Quellen wurden gegen Primär- bzw. Verzeichnisquellen geprüft. Nicht einzeln belegt: erklärende Darstellung, die Beispiele (konstruiert) und die Einordnung in eigenen Worten.

Quellen

  • Anthropic – „Building effective agents“ (Dezember 2024): Definition von Workflows und Agenten sowie die Empfehlung, mit einfachen Lösungen zu beginnen
  • OpenAI – „A Practical Guide to Building Agents“ (April 2025)