Einheit 3: OECD – der aufgabenbasierte Ansatz

LektionBerufs- vs. Aufgabenebeneca. 3 Min. Lesezeit

Begriffe vorab

  • Aufgabenprofil: die Zusammensetzung der Tätigkeiten einer Stelle.
  • Heterogenität: Stellen mit gleichem Berufsnamen können sehr unterschiedliche Aufgaben enthalten.
  • PIAAC: die OECD-Erhebung zu Kompetenzen Erwachsener, die Angaben zu Arbeitsaufgaben liefert.

Lernziele

  • Den methodischen Gegenentwurf zu Frey & Osborne erklären.
  • Verstehen, warum „technisch möglich“ nicht gleich „wirtschaftlich oder organisatorisch umgesetzt“ ist.
  • Eine eigene Aufgaben-Analyse für eine Stelle skizzieren.

Kerninhalt

Arntz, Gregory und Zierahn zerlegen Berufe in ihre einzelnen Tätigkeiten und bewerten jede Aufgabe einzeln. Ein Beruf gilt nur dann als gefährdet, wenn ein Großteil seiner Aufgaben automatisierbar ist.

Im Schnitt über 21 Länder kommt die OECD so auf nur rund 9 % potenziell automatisierbare Jobs, deutlich weniger als Frey/Osborne (47 %).

Merkhilfe: 47 % (Beruf, Grobblick) gegen 9 % (Aufgabe, Feinblick). Je genauer man hinschaut, desto kleiner die Zahl.

Möglich ≠ umgesetzt

Entscheidend ist die Unterscheidung zwischen technischer Möglichkeit und tatsächlicher Einführung. Kosten, Regulierung, Mitbestimmung, Akzeptanz und Arbeitsorganisation entscheiden, ob eine technisch automatisierbare Aufgabe tatsächlich automatisiert wird. Die jährlichen OECD Employment Outlooks vertiefen das laufend mit Kapiteln zu KI und Kompetenzen.

Anwendung auf Betriebsratsarbeit

  • Das methodisch stärkste Argument gegen überzogene Arbeitgeber-Prognosen: „Technisch möglich“ ist kein Automatismus. Mitbestimmung, Datenschutz und Arbeitsorganisation sind eigene Hebel (§§ 87, 90 BetrVG).
  • Vorlage für eine eigene Aufgaben-Matrix, die fachlich belastbarste Grundlage für Stellungnahmen und Betriebsvereinbarungen.
Stelle -> Einzelaufgaben -> automatisierbar (ja / teilweise / nein) -> Begründung

Anwendung auf Projektmanagement

  • Grundlage für realistische Automatisierungs-Business-Cases: Aufgabenanteile statt ganzer Rollen schätzen, damit Scope und ROI nicht überschätzt werden.
  • Die Trennung „technisch möglich“ und „tatsächlich eingeführt“ gehört ins Risikoregister. Einführungsbarrieren (Datenqualität, Prozessreife, Change-Management) werden als eigene Risiken geführt.

Ein Beispiel für Heterogenität

Zwei Personen heißen „Sachbearbeiter“. Die eine bearbeitet überwiegend Standardvorgänge nach Checkliste, die andere berät Kunden und löst Sonderfälle. Berufsbasierte Modelle behandeln beide gleich; aufgabenbasierte Modelle erkennen, dass die erste Stelle deutlich stärker betroffen ist als die zweite. Das erklärt, warum die OECD-Zahl niedriger ausfällt.

Die Einschränkung der Methode

Auch die aufgabenbasierte Zahl beschreibt Potenzial, nicht Entwicklung. Außerdem stützt sie sich auf Selbstauskünfte zu Aufgaben, die subjektiv sein können. Keine der beiden Zahlen ist „die richtige“; sie beantworten unterschiedliche Fragen.

Wie man die Aufgaben-Matrix anlegt

  1. Stelle in 8 bis 12 typische Aufgaben zerlegen.
  2. Zeitanteil je Aufgabe schätzen.
  3. Automatisierbarkeit je Aufgabe einschätzen (ja, teilweise, nein) und begründen.
  4. Ergebnis mit den Beteiligten besprechen, denn sie kennen die Praxis.

Prüfstatus: Belegt (Stand 1. Oktober 2026): Jahreszahlen, Zahlen, Namen und Quellenangaben dieser Lektion, soweit die Quellenliste sie nennt, wurden gegen Primärquellen geprüft. Nicht einzeln belegt: erklärende Darstellung nach Lehrbuchstand und Quellen, die in der Liste als „allgemeine Referenz“ markiert sind.

Leseliste

  • Arntz, Gregory, Zierahn – The Risk of Automation for Jobs in OECD Countries
  • OECD – Automation and Independent Work in a Digital Economy
  • OECD Employment Outlook (aktuelle Ausgaben zu KI)

Reflexionsfragen

  1. Erstelle für eine Stelle in deinem Betrieb eine Aufgaben-Matrix mit 8 bis 10 Einzelaufgaben. Wie hoch fällt der automatisierbare Anteil im Vergleich zu einer pauschalen Berufsbewertung aus?
  2. Welche organisatorischen (nicht technischen) Hürden verzögern in deinem Betrieb die tatsächliche Einführung von KI-Tools?

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